Zwischen Statussymbol und Tabu: Wie wir über Glücksspiel sprechen
Glücksspiel gehört in der Schweiz zu den umstrittensten Freizeitaktivitäten unserer Zeit. Für viele ist es ein harmloser Zeitvertreib oder gar ein gesellschaftlich akzeptiertes Hobby, ein Statussymbol der Unbeschwertheit und Hoffnung auf den grossen Gewinn. Doch für andere ist es ein dunkles Risiko, eine Suchtfalle, die Existenzen und Beziehungen zerstört. Wie also sprechen wir über Glücksspiel und was sagt das über uns als Gesellschaft aus?Glücksspiel als gesellschaftlich akzeptierte Aktivität
Fast die Hälfte der Schweizer Bevölkerung hat im letzten Jahr an einem Geldspiel teilgenommen. Laut Zahlen des Magazins Geld- und Glücksspiel - Nutzung spielen rund 44,5 % der über 15‑Jährigen regelmässig, also mindestens einmal pro Jahr Lotto, Rubbellose oder andere Formen von Geldspielen, wobei ein Teil davon (14,5 %) sogar mindestens einmal im Monat aktiv ist.Diese hohe Beteiligung zeigt: Glücksspiel ist in der Schweiz weit verbreitet und kein rein randständiges Phänomen mehr. Lotterien und kleinere Spiele wie Tombolas gehören in vielen Regionen einfach zum gesellschaftlichen Leben – sei es als beliebter Pausenfüller, als Bestandteil von Vereins- und Dorffesten oder als einfache Hoffnung auf einen Gewinn, der das Leben verändern könnte.
In diesem Sinne kann Glücksspiel durchaus als Statussymbol der Freizeitgesellschaft verstanden werden: Teilnahme bedeutet Teilhabe am gesellschaftlichen Spiel, am kollektiven Traum vom Glück und am Teil einer kulturell akzeptierten Praxis.
Das Tabu und die Schattenseite
Gleichzeitig gibt es eine deutlich dunklere, weniger gern besprochene Seite des Glücksspiels: die Sucht und die sozialen Folgen. Während viele das Spielen mit einer gewissen Leichtigkeit betrachten, zeigen statistische Daten ein anderes Bild. In der Schweiz weisen rund 4,3 % der Bevölkerung ein problematisches Glücksspielverhalten auf – das entspricht etwa 296'000 Menschen, die ernsthafte Risiken im Umgang mit Geldspielen haben.Problematisches oder riskantes Glücksspiel betrifft vor allem junge Erwachsene: Menschen zwischen 20 und 24 Jahren zeigen mit etwa 9,2 % deutlich höhere Anteile an riskantem Verhalten als ältere Altersgruppen.
Diese Zahlen stehen im Kontrast zu dem oft verklärten Bild vom harmlosen Glücksspiel. Während gesellschaftlich oft über Sportwetten, Lottoscheine oder Casinoabende gesprochen wird, bleibt die Geldspielsucht häufig im Verborgenen ein Tabu, über das man ungern offen spricht. Scham, Angst vor Stigmatisierung und Unsicherheit darüber, wo Hilfe zu finden ist, verstärken dieses Schweigen.
Wie beeinflusst die Regulierung die Wahrnehmung?
Die rechtliche Situation in der Schweiz spiegelt diese ambivalente Haltung wider. Seit dem Geldspielgesetz von 2019 dürfen ausschliesslich in der Schweiz lizenzierte Casinos Online‑Geldspiele anbieten, ausländische Anbieter wurden gesperrt. Gleichzeitig gibt es klare Schutzmechanismen: Spieler können sich selbst sperren lassen, und Casinos müssen riskantes Verhalten erkennen und melden.Trotz dieser Schutzmassnahmen ist die Zahl der Spielsperren in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen. 18'216 neue Sperren wurden allein im Jahr 2024 registriert, vor allem im Online‑Bereich. Dies zeigt nicht nur die wachsende Bedeutung des Online‑Glücksspiels, sondern auch, dass die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit problematischem Spielverhalten zunehmen muss.
Sprache formt Realität: Von Euphemismen und Warnungen
Wie wir über Glücksspiel sprechen, beeinflusst auch, wie wir es wahrnehmen. Begriffe wie „Lotto spielen“ oder „ein paar Wetten abschliessen“ klingen harmlos und alltäglich, sie bagatellisieren die tatsächlichen Risiken. Der Fachverband Sucht Schweiz betont, dass selbst der Begriff „Glücksspiel“ irreführend sein kann, da er häufig die strukturelle Ungleichheit zwischen Spielern und Anbietern verschleiert.Dennoch bemühen sich Präventionskampagnen, das Tabu zu brechen. Frühere Initiativen wie „Wenn dein Spiel zur Droge wird“ setzten genau darauf: Sie zeigten authentische Geschichten von Betroffenen, um die Öffentlichkeit für die Realität der Spielsucht zu sensibilisieren und das offene Gespräch zu fördern.
Zwischen Genuss und Verantwortung
Glücksspiel bewegt sich in der Schweiz zwischen zwei Polen: Als Freizeitvergnügen ist es weit verbreitet und gesellschaftlich akzeptiert. Als potenziell süchtig machende Aktivität bleibt es jedoch häufig ein Tabuthema, über das ungern offen gesprochen wird.Die Herausforderung besteht darin, diesen Diskurs verantwortungsvoll zu führen: ohne zu verurteilen, aber auch ohne zu verharmlosen. Eine offene, differenzierte Sprache, unterstützt durch Aufklärung, Forschung und Präventionsarbeit können helfen, die Ambivalenz des Glücksspiels in unserer Gesellschaft sichtbar zu machen und Betroffenen einen sicheren Raum für das Gespräch zu bieten.






